Friday, January 13, 2006

Was ist Strukturalismus?

Statt einzelne Bereiche eines Forschungsgebietes isoliert zu betrachten, zielt der strukturalistische Forschungsansatz auf die Zusammenhänge, auf die Beziehungen zwischen einzelnen Komponenten und Bereichen des jeweiligen Forschungsgegenstandes. Den Strukturalisten geht es also um die Erforschung der Gesamtstruktur, wie sie sich aus den einzelnen Komponenten und ihren vielfältigen Relationen und Interaktionen ergibt.
Die Berechtigung dieses Forschungsansatzes ergibt sich daraus, dass das Gesamte mehr ist als die Summe seiner Teile. Die Farben Rot, Gelb und Grün bekommen z.B. eine neue Gesamtbedeutung, wenn sie sich auf einer Verkehrsampel befinden.


Entstehung in der Linguistik

Erste Ansätze strukturalistischer Betrachtungsweise finden sich in Vorlesungen des Linguisten Ferdinand de Saussure (Course in General Lingustics, 1906-1911, erstmals schriftlich veröffentlicht 1960), welcher vor allem durch seine vergleichenden historischen Studien des indioeuropäischen Vokalsystem bekannt wurde.
Saussure hat Strukturen auf Grund von relationalen Schlüsselmerkmalen zwischen den Teilen (z.B. Vokale, Wörter, Sprachen) beschrieben. Während seine Zeitgenossen Veränderungen einer Sprache im Zeitverlauf erforschten (diachronisch) verglich Saussure Sprachen zu einem bestimmten Zeitpunkt miteinander (synchronisch). Die Unterscheidung zwischen diachronisch und synchronisch ist eines der vier Schlüssel-Unterscheidungsmerkmale Saussures für – in diesem Fall zeitliche - Relationen, ein Unterscheidungsmerkmal, das heute sowohl in der Linguistik als auch allgemein in den Sozialwissenschaften Gemeingut ist.
Andere Schlüsselunterscheidungen sind nach Saussure die Unterscheidung zwischen Bezeichner (Hund, dog, il cane) und Bezeichnetes (das damit bezeichnete Tier) sowie die Unterscheidung zwischen Sprache (langue bzw. language), und Redeteile (parole bzw. speech). Sprache ist dabei die linguistische Struktur oder Grammatik, Redeteile bezeichnet den individuellen sprachlichen Ausdruck durch ein Individuum.
Eine Bestimmung von Relationen zwischen Wörtern ergibt sich durch Saussures Unterscheidung zwischen syntagmatisch und assoziativ.
Auf Kulturen übertragen stehen die Farben Rot, Gelb, Grün einer Verkehrsampel in syntagmatischer Beziehung zueinander, Rot hat hierbei eine assoziative Relation zu Halt, Gelb zu Achtung und Grün zu Fahren.
Saussures Ideen wurden vor allem durch die „Funktionalen“ Linguisten der Prager Schule weiter verfolgt. Sie erkannten u.a. dass die Relation zwischen stimmhaften und stimmlosen Lauten (z.B. b-p, d-t usw.) binärer Natur ist. Dieses Unterscheidungsmerkmal des binären Gegensatzes ist später auch in der Anthropologie ein bedeutendes strukturales Bestimmungsmerkmal geworden.

Strukturalismus in der Anthropologie

Claude Leví-Strauss lernte im New Yorker Exil (1941-1944) durch Kontakte mit Emigranten der Prager Schule den strukturalistischen Ansatz kennen und führte ihn in die Anthropologie ein.
Das zentrale Interesse des Strukturalismus ist das Erkennen von Mustern. Was auf den ersten Blick zusammenhanglos erscheint, stellt sich sodann als System von zueinander in Beziehung stehenden Teilen heraus.
E. Leach schreibt in seiner Biografie von Leví-Strauss:
„. . . wenn ein Anthropologe . . . die Kultur der australischen Ureinwohner mit der der Eskimos vergleicht, wird er zunächst von den Unterschieden beeindruckt sein. Da aber alle Kulturen Produkte des menschlichen Geistes sind, muss es unter der Oberfläche Grundzüge geben, die allen gemeinsam sind.“
Der menschliche Geist ist hier die Grundlage bei der Suche nach kulturübergreifenden allgemeinen Strukturen. Erst wird eine theoretische Struktur entworfen, danach wird geprüft, ob solche Strukturen in der kulturellen Realität vorkommen.
Das Mittel des Erkennens von Gemeinsamkeiten, von Mustern sind spezifische Unterscheidungsmerkmale oder die binären Gegensätze, wie sie schon in der Linguistik bei der Suche nach Strukturen angewandt wurden. In der Linguistik sind dies z.B. die Unterscheidung zwischen Vokal und Konsonant, zwischen harten (stimmlosen) und weichen (stimmhaften) Konsonanten.
Für Leví-Strauss ist der binäre Gegensatz, das Denken in Gegensatzpaaren, wie z.B. schwarz-weiß, rot-grün, hart-weich, roh-gekocht, Natur-Kultur usw. ein universales Denksystem. Diese Art der mentalen Prozesse ist laut Lévi-Strauss in allen Kulturen gleich, nur die Manifestationen unterscheiden sich.
Das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein solcher Merkmale, ganz gleich ob in einer Sprache oder einer Kultur, tragt wesentlich zum besseren Verständnis bei.
Ein wesentlicher Beitrag Leví-Strauss’ zum Strukturalismus in der Anthropologie ist seine Suche nach der Struktur aller möglichen Strukturen. Er suchte diese Strukturen nicht in empirischer Feldforschung, sondern im menschlichen Geist. Für Leví-Strauss bezieht sich Strukturalismus in der Anthropologie daher nicht bloß auf soziale Strukturen oder Formen im Sinne eines Radcliffe-Brown, sondern vor allem auf die Struktur von Ideen. Leví-Strauss beschäftigte sich daher mit der idealen Struktur einer Gesellschaft in zwei Formen: 1. Was ist in seinem (Leví-Strauss’ Kopf) und 2. Was ist in den Köpfen der Menschen, mit denen Ethnographen arbeiten. Oberstes Ziel der Anthropologie von Leví-Strauss ist dabei die Erkenntnis des Prinzips einer geistigen Einheit, der l’esprit humain. Dies wird als kollektives Unbewusstes verstanden und Leví-Strauss stellt sich damit in Gegensatz zu anderen Anthropologen, deren Ansatz das kollektive Bewusstsein ist.
Leví-Strauss schließt dabei nicht von empirischen Beobachtungen auf die Gesamtheit (induktive Methode), sondern er entwirft eine theoretische Struktur aller möglichen Strukturen und sucht anschließend passende Annäherungen in der Realität (deduktive Methode). Von Leví-Strauss selbst stammt dazu die Kristall-Analogie: Physiker entwerfen auf Grund mathematischer Berechnungen die Struktur eines idealen Kristalls. Zwar kommt dieser in der Realität natürlich gewachsener Kristalle nie vor, dennoch kann der ideale Kristall als Erklärungsmodell für Kristallstrukturen dienen.
Ein Schulbeispiel seiner Methode ist Leví-Strauss’ Werk „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen betont er die Verwandtschaft durch Heirat statt durch Abstammung und beschäftigt sich mit der Frage, wie Heiratssitten soziale Strukturen beeinflussen oder sogar generieren. In diesem Werk entwirft er zuerst rein gedanklich ein Muster aller möglichen Muster, eine Struktur aller möglichen Strukturen.
Grundlegende Unterscheidungsmerkmale sind dabei Heiratsgebote (Heirate innerhalb einer bestimmten Gruppe, z.B. die Tochter deines Onkels) und Heiratsverbote (Heirate nicht innerhalb der engen Verwandtschaft, z.B. deine Schwester). Heiratsgebote werden von Leví-Strauss als elementare Strukturen bezeichnet, sie kommen in manchen Teilen Südamerikas oder Australiens vor, Heiratsverbote bezeichnet er als komplexe Strukturen, sie finden sich z.B. in Europa oder Japan).
Wesentliches Ergebnis seiner Arbeit ist die These, dass das Inzestverbot das wesentliche Merkmal von Kultur ist.
Das von Leví-Strauss entworfene Muster von Verwandtschaftsstrukturen durch Heirat umfasst alle denkbaren (im menschlichen Geist vorhandenen) Möglichkeiten, ist überaus umfangreich und kompliziert – und entstand als rein geistiges Produkt. Dies fand kaum Zustimmung, sondern rief viele Kritiker hervor.

Zustimmung und Kritik

Leví-Strauss’ Arbeit über Verwandtschaftsbeziehungen hatte einen gewaltigen Effekt auf die britische Anthropologie der 50er und 60er Jahre des 19. Jahrhunderts. Vor allem Leach und Needham, aber auch andere wandten seine Methode auf das Studium spezifisch auf Heirat beruhender Verwandtschaftssysteme an.
Kritik an Leví-Strauss erfolgte jedoch nicht nur, weil er in seinem Werk das Primat der Verwandtschaft durch Heirat über jenes der Verwandtschaft durch Abstammung stellte (z.B. Barnard and Good, 1984, S. 67-78, 95-104), sondern auch weil viele der von ihm postulierten Beziehungen in der Realität kaum oder gar nicht vorkommen.
Letztere Kritik geht allerdings insofern ins Leere, als es ja auch nicht Leví-Strauss’ Absicht war, die Realität darzustellen, sondern er vielmehr auf allgemeine Prinzipien, Ideen abzielte, entsprechend der nur in der Theorie konstruierbaren Kristallformen. Die empirische Wirklichkeit interessierte ihn weniger als die dahinterliegende Form, die allgemeinen Prinzipien.
Während nur wenige Forscher in Großbritannien und Nordamerika seine Betonung universeller Verwandtschaftsstrukturen im menschlichen Geist akzeptierten, wurde vor allem die empirische Basis seiner Theorien weithin in Frage gestellt (z.B. Hiatt, 1968). Leví-Strauss wurde vorgeworfen, das er empirische Feldarbeit nicht ernst genug nahm, dass er das Erlernen von Sprachen vernachlässigte und sich nicht lange genug in von ihm untersuchten Kulturen aufhielt.

Arbeit der Nachfolger

Zwar wurde der von Leví-Strauss in die Anthropologie eingeführte strukturalistische Ansatz von späteren Forschern übernommen, es erfolgte jedoch eine Abkehr von seiner Suche nach universellen geistigen Prinzipien. Der Grund dafür war der, dass diese Suche schlicht als sinnlos erachtet wurde.
Seine Nachfolger beschränkten sich daher auf die Anwendung des strukturellen Ansatzes auf spezifische Regionen oder Kulturen.
So konzentrierte sich der holländische Strukturalismus (z.B. J.P.B. de Josselin de Jong) auf regionale strukturelle Analysen, vornehmlich in Indonesien, während der britische Strukturalismus den Fokus auf einzelne Gesellschaften richtete. Der französische Anthropologe Louis Dumont entwickelte ein bahnbrechendes regional-strukturales Verständnis sozialer Hierarchien in Indien.

Zusammenfassung

Das zentrale Interesse des Strukturalismus ist das Erkennen von Mustern und Strukturen.
Erste Ansätze strukturalistischer Betrachtungsweise finden sich in Vorlesungen des Linguisten Ferdinand de Saussure. Saussures Ideen wurden vor allem durch die „funktionalen“ Linguisten der Prager Schule weiter verfolgt.
Leví-Strauss führte den strukturalistischen Ansatz in die Anthropologie ein. Grundlage bei der Suche nach kulturübergreifenden allgemeinen Strukturen ist für den Strukturalismus Leví-Straussscher Prägung der menschliche Geist. Seine Forschungsarbeit ist vor allem geprägt von der Suche nach einem universellen geistigen Prinzip, dem l’esprit humain.
Mittel für das Erkennen von Strukturen sind spezifische Unterscheidungsmerkmale. Vor allem der binäre Gegensatz wird von Leví-Strauss als kulturübergreifendes universales Denksystem betrachtet, welches dem Erkennen universeller Strukturen dient.
Die angewandte Forschungsmethode ist die der Deduktion. Statt in der Feldforschung Daten zu sammeln und daraus Theorien abzuleiten, wird – wie etwa in Leví-Strauss’ Arbeit über Verwandtschaftsbeziehungen - erst eine Theorie aufgestellt und sodann ihre Gültigkeit im Feld überprüft.
Nach Leví-Strauss erfolgte in der Anthropologie eine Abkehr von der Suche nach universellen geistigen Prinzipien. Seine Nachfolger beschränkten sich auf die Suche nach Strukturen spezifischer Regionen oder Kulturen.
Unbestreitbares Verdienst Leví-Strauss’ bleibt es aber, den strukturalistischen Ansatz in die Anthropologie eingebracht zu haben.
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Verwendete Literatur:

Barnard, A.: History and Theory in Anthropology. Cambridge: University Press, 2000
E. Leach: Biographie Leví-Strauss

Thursday, October 27, 2005

Geschichte

Funktionalismus2. Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.

Funktionalismus
Die Begriffe Funktionalismus und Strukturfunktionalismus haben heute eine stabile Bedeutung , das war jedoch nicht immer der Fall. Im weitesten Sinne beinhaltet der Begriff Funktionalismus auch den Strukturfunktionalismus. Die Grenze zwischen den Begriffen war nie sehr steif und so machte es einigen der Anhänger Radcliffe-Browns nichts aus als Funktonalisten bezeichnet zu werden, während andere auf den Begriff Strukturfunktonalisten oder Strukturalisten beharrten.
Der Funktionalismus eines Malinowski beschäftig sich mit den Interaktionen des Individuums und ihren spezifischen Bedürfnissen und deren Erfüllung durch kulturelle und soziale Systeme; während sich der Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown vom Individuum eher abwendet und seinen Fokus auf die Stellung des Individuums in der sozialen Ordnung und besonders auf den Aufbau eines sozialen Systems lenkt.
Radcliff- Brown:
Radcliff- Brown wurde 1881 als Alfred Reginald Brown geboren, nahm jedoch um1920 den Mädchennamen seiner Mutter an und hieß nun A.R. Radcliffe-Brown. Seine Freunde nannten ihn auch Arnachy Brown auf Grund seiner politischen Einstellung. Der arnachistische Schriftsteller Peter Kropotkin löste Radcliffe-Browns Interesse an sozialen Institutionen aus. 1904 machte Radcliffe- Brown seinen Bachelor Degree in Cambridge. Von 1906 bis 1908 machte er Feldforschung auf den Andamanen Inseln, von 1910 bis 1911 in Westaustralien. Während des ersten Weltkrieges war er Erziehungsleiter im Königreich Tonga und reiste danach um die Welt um an verschiedensten Universitäten zu unterrichten.
Aus Radcliffe-Browns Sicht gibt es Zwei Ursprünge der Anthropologie. Zum einem der Evolutionismus, dessen Blütezeit er um 1870 datiert und zum anderen Montequieu`s Werk “Spirit of the laws” welches die Vorstellung einer systematisch strukturierten Gesellschaft vertritt.
Evolutionisten wie Herbert Spencer sehen in der Veränderung von sozialen Formen des Lebens den Schwerpunkt der Recherchen.
Die jedoch wichtigste Bezugsquelle Radcliffe- Browns für das Konzept des Strukturfunktionalismus stammen wohl von Emile Durkheims Soziologie.
In seiner Ethnographie Australiens steht Radcliffe- Brown für eine vergleichende Perspektive, die ihm zu Folge in der Anthropologie zu der Entdeckung der natürlichen Gesetze von Gesellschaft führen soll. Nicht der Ursprung oder die Vergangenheit von Institutionen interessierten ihn, sondern Fakten die man als Anthropologe in der Gegenwart vorfindet.
In seinem Werk “ A natural Science of society” spielt Radcliffe-Brown mit dem Gedanken einer vereinheitlichten Sozialwissenschaft. Er lehnte sowohl die Dominanz von Sozialwissenschaften wie Psychologie als auch die Vorstellung einer Kulturwissenschaft ab und somit Boas` Schwerpunkt. Radcliffe-Browns Begriff von Kultur war synonym zur Sozialisierung, also eine Art zu lernen, in einer Gesellschaft zu leben. Zusammenfassend kam R- B zu 5 Thesen:
Eine Theoretische Wissenschaft der menschlichen Gesellschaft ist möglich.
Es kann jedoch nur eine einzige solche geben.
Solch eine Wissenschaft existiert noch nicht abgesehen von elementaren Anfängen
Die fundamentalen Probleme dieser Wissenschaft können nur gelöst werden indem man einen systematischen Vergleich mit genügend verschiedenen Kulturen vollzieht
Daraus folgt, dass die Entwicklung dieser Wissenschaft von der Verbesserung der komparativen Methode abhängt.
Während er seine evolutionistischen Vorgänger für ihre vergleichenden Methoden lobt, kritisiert er sie für die auf Mutmaßungen basierenden Methoden.
Funktion, Struktur und strukturelle Form
In der Arbeit über die Andamanen- Inseln konzentriert sich Radcliffe-Brown auf Rituale und ihre soziale Funktion und somit auf den, Wert den sie für die gesamte Gesellschaft darstellen, während er deren Wert für bestimmte Individuen der Gesellschaft vernachlässigt. Er betont, dass die Gesellschaft über dem Individuum steht, was nicht nur seine ethnographischen Ansätze sondern auch die der folgenden Generation stark beeinflusst hat. Er spezialisiert sich auf synchrone Aspekte, also wie Institutionen innerhalb des sozialen Systems funktionieren, dabei interessiert ihn weniger wie sich diese im Laufe der Zeit verändern.
In einer berühmten Analogie vergleicht Radcliffe-Brown die Gesellschaft mit Meeresmuscheln. Laut Radcliffe-Brown hat jede Muschel eine eigene Struktur kann aber einer anderen Muschel ähneln und in diesem Fall teilen sie eine gemeinsame strukturale Form. Daher basiert die Analogie darauf, dass sich die soziale Struktur auf aktuelle Beobachtungen des Forsches bezieht. Dagegen ist die strukturale Form eine Verallgemeinerung von Beobachtungen einer bestimmten Gesellschaft und deren Individuen, also basiert sie auf den Schlüssen, die ein Anthropologe aus seinen Beobachtungen zieht. Er meint man sollte nicht von Individuen, sondern von z.B. typischen Vätern auf typische Kinder schließen und möglicherweise in einer größeren Form der Analyse strukturaler Formen verschiedener Gesellschaften vergleichen und somit zu generellen Gesetzen kommen, die beschreiben wie Gesellschaft funktioniert.
Kritik an Radcliffe-Browns Denken
Erstens wird ihm vorgeworfen, Begriffe auf eine verwirrende Art und Weise zu gebrauchen, da er den Terminus “strukturelle Form gebraucht um zu beschreiben wo andere generell den Begriff “soziale Struktur” verwenden und “soziale Struktur” was andere schlicht als “Daten” bezeichnen.
Zweitens versucht er zu universellen Gesetzen zu kommen, indem er Beispiele aufzählt statt mit logischen Prämissen begründet. Er scheint also statt Fortschritte zu machen rückwärts zu gehen.
Semantische oder soziale Struktur
Es stellt sich hier die Frage wozu Verwandtschaftsbezeichnungen dienen. Es gibt 3 klassische Ansichten zu dieser Fragestellung von
A.L. Kroeber
W.H.R. Rivers
Und A.R. Radcliffe-Brown
Radcliffe-Brown lehnte die Sichten der beiden anderen ab. Für ihn geht es um die Beziehung zu exstierenden sozialen Fakten. Laut Radcliffe-Brown ist der Ursprung der Bräuche in der Prähistorie “verloren” gegangen , trotzdem ist die Bedeutung des Brauchs in der zeitgenössischen Gesellschaft verankert.
Theorie des Totemismus
Radcliffe-Brown hatte nicht nur eine, sondern 2 Theorien des Totemismus. Dabei ist der Kontrast zwischen den beiden, wichtig um die Beziehung zwischen Strukturfunktionalismus und Strukturalismus zu verstehen.
In seiner Schrift “ the sociological theory of totemism” versucht er zu erläutern, wie australische Aborigines die Welt, und speziell die Menschen als Mitglieder einer sozialen Gruppen klassifizieren. Da er Durkheim zustimmt, dass Totems die Funktion haben, die Solidarität eines Klans zu repräsentieren, baut Radcliffe-Brown auf dessen Ideen auf. Trotzdem widerspricht Radcliffe-Brown Durkheim bei der Beziehung zwischen Tierart und Ritual, da laut Durkheim die Tierarten die soziale Gruppe repräsentieren und somit Objekte der rituellen Aktivität werden; während Radcliffe-Brown der Meinung ist, dass eine Tierart gewählt wird, um zu repräsentieren und bereits rituelle Bedeutung hat. Ist erst mal eine Tierart gewählt, ist die Beziehung zwischen Ritual, Symbolismus des Tieres und Solidarität der Gruppe zu beachten. Laut Radcliffe-Brown ist Totemismus eine spezielle Entwicklung des Symbolismus der Natur. Er charakterisiert den australischen Totemismus durch 4 kennzeichnende Punkte
Die patrilineare Gruppe
Die Totems ( Tiere, Pflanzen, Wetter,..)
Bestimmte heilige Plätze
Mystische Wesen, die Plätze zu heiligen Orten machen
Statt die Beziehung dieser Charakteristika zueinander zu beschreiben konzentriert er sich darauf, Durkheim zu widersprechen sowie auf die Beziehung zwischen 2 Gruppen und zwischen einer Gruppe und deren “Tomtemtierart”.
In Radcliffe-Browns zweitem Essay behandelt er darüber hinaus, wie die Aborigines die Tiere als Mitglieder von Tierarten klassifizieren. Er vergleicht auch verschiedene Gesellschaften miteinander. Sein Schema geht über die soziale Struktur hinaus und behandelt auch die kosmologische Struktur. Er stellt sich die Frage warum bestimmte Tierarten gewählt werden. Er fragt sich, ob die selben Tiere bei verschiedenen Völkern auftreten, weil es eine Ähnlichkeit indigener Einwohner auf zwei verschieden Kontinenten gibt oder gibt es ein allgemeines Prinzip oder Muster das im menschlichen Geist verankert ist. Hierbei geht Radcliffe-Brown über seine strukturfunktionalistischen Paradigmen hinaus.
Malinowski:
Malinowski wurde 1884 in Krakau geboren. Er war der Sohn eines Professors für slawische Philologie. 1908 machte er seinen Abschluss in Mathematik, Physik und Philosophie auf der “Jagiellonian University” in Krakau. Danach war er Schüler von C.G. Seligman und Edward Westermarck in der “ London School of Economics” und studierte Anthropologie.
1914 begab er sich auf seine erste Feldforschung nach Australien und hatte dort- wie z.B. In Neu Guinea - während des ersten Weltkrieges die Erlaubnis Forschungen zu betreiben. Zwischen den Jahren 1914 uns 1918 verbrachte er seine Zeit mit 3 weiteren Reisen. Außerdem verbrachte er 6 Monate auf den Trobriand Inseln. Nach dem Krieg lehnte Malinowski einen Lehrstuhl an der “Jagiellonian University” ab und ging zurück an die “ London School of Economics” um dort von 1922 bis 1938 zu lehren. Als der 2. Weltkrieg ausbrach, hatte er gerade einen Posten in Yale angenommen und wollte in den USA bleiben, starb jedoch im Jahr 1942.
Seine Position in der Britischen Anthropologie ist vergleichbar mit der des Boas in der Amerikanischen Anthropologie.
Er war ein europäischer Naturwissenschafter und kam durch besondere Umstände zur Anthropologie. Er gehörte nicht zu den so genannten “ armchair anthropologists”, sondern gilt als Vater der Feldforschung, die seiner Meinung zu Folge auf teilnehmender Beobachtung und auch dem Erlernen der lokalen Sprache basiert.
Malinowskis Art Feldforschung zu betreiben war nicht sehr unterschiedlich von der Radcliff- Browns. Trotz allem ist zu erwähnen, dass er besser recherchierte.
Die Methoden, welche seine Schüler wie Raymond Firth, Phyllis Kaberry, Isaac Schapera, Eileen Krige, Monica Wilson und Hilda Kuper verwenden, kann man als “Malinowskian” bezeichnen.
Das berühmteste Werk Malinowskis ist Argonauts of tue Western Pacific in dem er unter anderem über die Geographie der Inseln, Zeremonien, Kanureisen und Magie. Weiters beinhaltet das Werk ein Kapitel über die Bedeutung von “kula” und erwähnt wie wichtig die Ethnologie ist und fordert mehr Toleranz gegenüber fremdartigen Bräuchen.
Eine weitere zu erwähnende Erkenntnis ist seine Arbeit über die Eltern- Kind Beziehung. Malinowski entdeckte, dass bei den Trobriandern der Vater nicht die Autoritätsperson für seinen Sohn ist und widerlegte somit Freuds Aussage, die den Vater als Autoritätsfigur darstellt, unabhängig von der Kultur und somit universell.
Phyllis Kaberry beschreibt 3 Ebenen der Abstraktion in Malinowskis “ theory of function”
“ Funktion” beschreibt, wie sich Institutionen gegenseitig beeinflussen und somit ihre Beziehung zueinander.
Das Verstehen einer Institution wird durch de Mitglieder einer Gemeinschaft definiert.
Die Art, wie die Institutionen sozialen Zusammenhang generell fördert.
Später in Malinowskis Leben fasste er seine Ansichten zusammen. Die Basis für seinen Ansatz waren 7 biologische Bedürfnisse worauf entsprechende kulturelle Antworten folgen. Er definierte Kultur und führte seine “theory of vital sequences“ an, was soviel wie lebenswichtige Sequenzen bedeutet, die für ihn biologische Fundamente sind und sich durch alle Kulturen ziehen. Laut Malinowski gibt es 11 solcher Sequenzen, welche aus je einem Impuls, einem physiologischem Akt und einer daraus folgenden Befriedigung bestehen. Als Beispiel nennt er die Müdigkeit (Impuls), die den Schlaf zur Folge hat ( physiologischer Akt) und gei dem die wiedergewonnene Energie als Befriedigung zu sehen ist.
Malinowski schafft später auch ein 7 Sequenz-Modell und ein 4 Sequenz-Modell.
Doch Malinowskis Zeitgenossen fanden an seiner “ scientific theory of culture” Gefallen, da sie eher biologische Erklärungen sind und wenig mit Kultur zu tun haben.


S.F. Nadel kritisierte, dass Malinowski sich nur auf 2 Ebenen des Denkens bewegt und zwar
Die eine bestimmte Gesellschaft wird behandelt (Trobriands)
Die primitive Gesellschaft und die Gesellschaft im Ganzen. Weiters kritisiert er, dass Malinowski nie streng vergleichend gearbeitet hat.
Auch seine Studenten kamen zu dem Schluss, dass Malinowski in manchem Zusammenhang scheiterte.
Die Bedeutung der Verwandtschaftsterminologie
Die Schwierigkeit eines Ökonomischen Tausches
Die Notwendigkeit von Genauigkeit beim Schreiben über das Recht.
Die Wichtigkeit anthropologischen Vergleichs
Trotz Allem ist schließlich zu erwähnen, dass Malinowski der wichtigste Gründer der anthropologischen Feldforschung war und mit seiner Lehre an der LSE viele inspirierte.
Einfluss Malinowskis und Radcliffe-Browns
Viele Anthropologen Groß Britanniens und Amerikas folgten der Linie Radcliffe-Browns .
Malinowskis größter Einfluss war in GB und speziell das Einführen der teilnehmenden Beobachtung machte ihn berühmt.
Radcliffe-Brown hatte unter anderem Einfluss in Süd Afrika, Indien und Sydney wobei man ihm nachsagt er sei ein besser Lehrer gewesen als er ein Autor gewesen ist. Er war ein brillanter Lektor der meist ohne Notizen vortrug. Er hatte ein eher einfachen Schreibstil und publizierte verhältnismäßig wenig, öfters sogar die Versionen seiner öffentlichen Vorträge.
Radcliffe-Brown lehnte es ab auf eine Ebene mit Malinowski gestellt zu werden, da dessen Theorien der biologischen Bedürfnisse und kulturellen Antworten den seinen widersprachen. Trotzdem wurde er von einigen als Funktionalist bezeichnet.